Languages

Cannabis – verharmlost und verteufelt

Die Meinungen sind gemacht: beim Nationalrat, der die Hanfinitiative diese Wintersession zur Ablehnung empfahl, bei den Therapeuten im Umgang mit Cannabisabhängigen und bei den Cannabiskonsumenten selbst. Nur die Eltern sind unsicher. Sie möchten das Beste für die persönliche Entwicklung und die beruflichen Chancen ihrer Kinder. Sie versuchen zu führen und erleben ihre Hilflosigkeit, wenn pubertierende Jugendliche sie ablehnen und vereinbarte Grenzen überschreiten. Viele Erwachsene, die jetzt Stellung beziehen müssen, tun dies auf der Basis ihrer eigenen Erfahrung mit Cannabis oder legalen Drogen wie Alkohol. Einige idealisieren ihre Vergangenheit und vergessen, dass der THC-Gehalt des Cannabis, das heute konsumiert wird, sich im Vergleich zu früher vervielfacht hat.

Gegner der Initiative befürchten, dass die Liberalisierung des Cannabiskonsums den Zugang zu Cannabis erleichtert und deshalb die Sucht- und Gewaltprobleme der heutigen Jugend noch verschärft würden. Sie blenden aus, dass heute jeder Jugendliche problemlos Zugang zu Cannabis hat. Beim illegal verkauften Cannabis sind weder THC-Gehalt noch Beimischungen kontrollierbar. Die Beimischung von feinstem Sand wird verwendet, um Cannabis zu strecken. Die Kristalle dieses Sandes lagern sich direkt in den Zellen der Lunge ab und können Jahre später zur schweren Erkrankung führen. Alle, ob Befürworter oder Ablehnende der Hanfinitiative, haben ein gemeinsames Ziel: den Schutz der Jugend vor dem problematischen Konsum und der Sucht mit Cannabis. Die Initiative fordert eine Straffreiheit des Hanfkonsums. Sie wurde lanciert, weil die Politiker im Stände- und Nationalrat sich nicht einigen konnten. Die fällige Revision des Betäubungsmittelgesetzes wurde so blockiert.

Die Politiker stecken fest. Sie führen endlose Debatten, die den Konsum von Hanfprodukten entweder verharmlosen oder verteufeln. Deshalb soll das Volk jetzt entscheiden. Sagt es nein zur Initiative, bleibt alles beim Alten. Sagt es ja, erhalten die Politiker den Auftrag, den Hanfanbau, -handel und -konsum gesetzlich zu regeln.

Ich erachte eine politische Regelung, wie die Initiative sie vorsieht, als sinnvoll. Bei der Umsetzung der Initiative braucht es ein Verkaufsverbot von Hanfprodukten an unter 18jährige. Zusätzliche Massnahmen für den Jugendschutz sollen Schulen und Jugendbehörden neben Hilfestellungen auch Sanktionen ermöglichen. Es geht darum, glaubwürdige Regeln festzulegen, die durchsetzbar sind. Hier liegt die Schwäche der jetzigen Regelung und die Stärke der Initiative.

Als Mutter von zwei Jugendlichen und Hausärztin in eigener Praxis bilde ich meine Meinung ebenfalls auf der Basis meiner Erfahrung. Die wichtigsten Erkenntnisse erhalte ich aus den Gesprächen mit meinen Söhnen und aus der Behandlung von Jugendlichen mit Cannabisabhängigkeit in der Praxis. Es ist für mich wichtig, dass Zusammensetzung und THC-Gehalt der zum Kauf angebotenen Hanfprodukte kontrolliert werden. Hanfprodukte dürfen im Verkauf nicht billiger werden; denn der Preis beeinflusst das Kaufverhalten. Dies sind Aufgaben, die im Hanfgesetz, wie es die Initiative fordert, geregelt werden können.

Die Abhängigkeit von Drogen, seien es Alkohol, Cannabis oder andere Substanzen, ist für alle Betroffenen eine Tragödie. Kein Strafgesetz und keine Initiative wird unsere Gesellschaft je vor Suchtproblemen bewahren. Als Erwachsene sind wir auf verschiedenen Ebenen gefordert.

Mich interessieren vor allem die Gründe, die Jugendliche in eine Sucht treiben. Entwurzelung, Misserfolge, Überforderung, wenig Selbstvertrauen, Missbrauch, psychische Krankheiten – es gibt viele Ursachen – und kein Patentrezept zu Vorbeugung und Heilung. Die Frage ist hier nicht, ist Cannabiskonsum kriminell oder legal? Die Aufgabe, die sich uns stellt, heisst: hinschauen, gesellschaftliche Entwicklungen erkennen und hinterfragen und konkrete Hilfestellungen erarbeiten.

Yvonne Gilli, Nationalrätin, GP



Quelle: tagblatt.ch