Libanon: "Die Zeiten stehen günstig für Haschisch"
Bekaa - Die schmale Straße schneidet tief in die spröde, winterstille Agrarlandschaft. Am Horizont stößt eine Gipfelkette gegen den Himmel; die Felder, kleine Flecken feuchter, rotbrauner Erde, erstrecken sich hinauf bis zur Hälfte der Hänge. Weil das libanesische Haschisch auf diesem rostfarbenen Boden wächst, nennt man es den Roten Libanesen. Die Anbauflächen liegen rund anderthalb Stunden nordöstlich von Beirut, nahe der Grenze zu Syrien. Auf Plakaten am Straßenrand erinnert Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah an seine Macht. Wenn die gelben Banner seiner Miliz immer häufiger auftauchen, ist es nicht mehr weit.
Taraya ist eines von rund einem Dutzend Dörfern in der nördlichen Bekaa-Ebene. Ali Hamiyeh, der Dorfvorsteher, deutet über die leer geernteten Äcker. "Normalerweise pflanzen die Bauern hier Obst, Gemüse und Weizen und am Rand vielleicht ein bisschen Cannabis", sagt der sehnige Enddreißiger. "Doch in der vergangenen Saison haben sie wieder beträchtliche Mengen angebaut."
Dabei liegt die Zeit, in der das Land als das wichtigste Drogenanbaugebiet des Nahen Ostens galt, lange zurück: Während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 strömten aus dem Libanon jährlich bis zu 1000 Tonnen Haschisch und 50 Tonnen Opium auf die internationalen Märkte. Nach dem Kriegsende setzte die Regierung dann eine strikte Antidrogenpolitik durch. In jedem Jahr überprüfen Polizei und Armee seither die Felder: Dort, wo sie Cannabis finden, pflügen sie die Erde um oder brennen die Pflanzen ab. Aus Furcht, ganz ohne Erträge dazustehen, hatte sich die überwiegende Mehrheit der Bauern zehn Jahre lang auf legale Produkte beschränkt.
Nun sind offiziellen Schätzungen zufolge in der vergangenen Saison zwischen 7000 und 7500 Hektar Land mit Hanf bepflanzt worden - so viel wie seit dem Ende des Bürgerkriegs nicht mehr. Diese Wende spiegelt die wachsende Instabilität des Landes: Die sowieso knappen Kapazitäten der Armee sind seit Monaten bis an ihre Grenzen ausgeschöpft. Der Machtkampf zwischen der prowestlichen Regierung und der Opposition unter Führung der Hisbollah stürzt den Libanon zusehends tiefer in die Krise. Seit Ende November hat das Land nicht einmal mehr einen Präsidenten, weil die rivalisierenden Lager die Wahl eines Staatsoberhaupts blockieren. So ist die Armee derzeit damit beschäftigt, in den Straßen von Beirut darüber zu wachen, dass die Spannungen nicht zu offener Gewalt führen.
Zusätzlich hielten im vergangenen Jahr schwere Unruhen das Militär in Atem: Just als die Zeit der Aussaat begann, schlug im Norden des Landes eine al-Qaida-nahe Terrorgruppe los und verwickelte die Armee in dreimonatige Gefechte. "Die Bauern haben die Nachrichten verfolgt und daraus geschlossen, dass die Zeichen wieder einmal günstig für Haschisch stehen", schildert Ali Hamiyeh, der Mukhtar von Taraya.
Die nördliche Bekaa-Ebene gehört im Libanon ohnehin zu den Regionen, die der Autorität der Regierung weitgehend entzogen sind. Stattdessen hält hier die Hisbollah die Macht. Die islamistische Organisation lehne Drogen strikt ab, sagt Hamiyeh, "Sie unterstützen es nicht, aber sie verhindern es auch nicht", erklärt er knapp und weigert sich, weitere Fragen zu beantworten. Es ist unklar, ob die Hisbollah von dem Geschäft profitiert. Zweifelsohne würde sie ihren Rückhalt in der Bevölkerung aufs Spiel setzen, wenn sie den Bauern die profitabelste ihrer wenigen Einnahmequellen nähme.
Im Libanon nimmt die Drogenproduktion jedes Mal dann zu, wenn die staatliche Kontrolle zurückweicht, sagt Raghed Assi vom UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) in Beirut: "Daher ist davon auszugehen, dass diesen Sommer die ganze Bekaa-Ebene meterhoch voller Cannabis stehen wird." Die wirtschaftliche Not ließe den Bauern kaum eine Wahl. In den 90er-Jahren konnte die Regierung den Anbau zwar um 95 Prozent reduzieren, versäumte es aber, andere tragfähige Einkunftsmöglichkeiten für die Region zu entwickeln.
Raghed Assi arbeitet nun gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium daran, die Rentabilität von Industriehanf in der Bekaa-Ebene zu prüfen. "Das Problem ist, dass die Menschen von den Erträgen gewöhnlicher Agrarerzeugnisse nicht überleben können", sagt er. Äpfel zum Beispiel würfen auf 1000 Quadratmetern bestenfalls 100 Dollar ab, während Cannabis rund den zehnfachen Gewinn einbrächte. Mit den niedrigen Preisen ihrer Mitbewerber aus den wesentlich größeren Flächenstaaten Türkei und Syrien könnten die Bauern in der Nordbekaa schlicht nicht mithalten, erklärt der Agrarwissenschaftler: "Daher werden sie immer wieder zu den Rauschmitteln zurückkehren, wenn sie eine Gelegenheit dazu sehen." Genau dazu kam es nun im vergangenen Jahr: Keinen einzigen Quadratmeter habe das Militär vernichtet. Dort, wo sich die Armee vereinzelt näherte, schossen Bauern gar auf Soldaten, in einem Fall sogar mit Granaten.
So sinkt die Bekaa-Ebene zusehends weiter in die Gesetzlosigkeit ab. Neben Drogen werden hier die Waffen gehandelt, die über Syrien eingeschmuggelt werden. Mehrfach wurden in der Gegend in den vergangenen Monaten Mitglieder islamistischer Terrornetzwerke festgenommen. Die Straßen durch diese entlegene Landschaft sind von Checkpoints unterbrochen. Yammouneh liegt in einem Talkessel, umgeben von schroffen, scharfkantigen Bergen. Der Mann, der sich Abu Hassan nennt, gehört mit 20 000 Quadratmetern zu den größeren Landbesitzern des Dorfes. 500 Kilogramm Haschisch ernte er jedes Jahr; pro Kilogramm bringe ihm das 500 bis 700 Dollar ein. "Ich habe es einmal mit Kartoffeln versucht. Das mache ich nie wieder, da habe ich 200 000 Dollar Verlust gemacht", schimpft er. "Ich muss meine Familie ernähren, was soll ich also tun." Der kleine, stämmige 45-Jährige trägt einen Parka, Camouflagehosen und um den Hals das traditionelle arabische Tuch mit den schwarz-weißen Muster, die Kufija. Sein Haus steht direkt neben der Dorfmoschee; an der Wand des Wohnzimmers hängen Porträts von Ayatollah Khomeini. "Gott hat die Erde hier so geschaffen, dass Cannabis gedeiht und sonst nichts", erklärt er. "Die Pflanzen brauchen keinen Dünger, nur ein wenig Wasser, dann wachsen sie von alleine." Er und seine Nachbarn hätten nicht das Gefühl, dass die Regierung irgendetwas tut, um zu helfen, sagt der Bauer und zuckt die Schultern: "Dafür behelligt sie uns aber auch nicht weiter und schreitet nicht ein, wenn wir das Gesetz brechen."
Quelle: www.welt.de