Teufelskraut oder Wunderpflanze? Hanf sorgt für rauchende Köpfe
Was will die Volksinitiative «für eine vernünftige Hanfpolitik»?
Die Initiative will auf Verfassungsstufe verankern, dass Konsum, Besitz und Erwerb von Cannabis straffrei werden, genauso der Anbau von Cannabis für den Eigenbedarf. Der Bund müsste Vorschriften über Anbau, Herstellung, Ein- und Ausfuhr sowie über den Handel mit Cannabis erlassen. Ein Verbot des Verkaufs an Minderjährige soll zudem dem Jugendschutz angemessen Rechnung tragen.
Wäre die Initiative, würde sie angenommen, überhaupt «legal»?
Ja. Sie verletzt keine zwingenden Bestimmungen des Völkerrechts. Allerdings bleibt wegen der teils sehr offenen Formulierung zu untersuchen, ob sie mit allen von der Schweiz ratifizierten internationalen Übereinkommen im Drogenbereich kompatibel ist.
Warum empfiehlt der Bundesrat dem Parlament, die Initiative abzulehnen?
Weil das Parlament, ausgehend von einer Parlamentarischen Initiative der Gesundheitskommission des Nationalrates, bereits früher entschieden hat, nach der Betäubungsmittelgesetz-Revision einen separaten Vorschlag zur Hanffrage zu erarbeiten. Diesem Vorschlag will der Bundesrat nicht vorgreifen, weshalb er auch auf einen Gegenvorschlag verzichtet: etwa, nur den Konsum zu entkriminalisieren. Zudem will der Bundesrat die Cannabisfrage nicht losgelöst von der restlichen Suchtpolitik regeln.
Wie viele Schweizerinnen und Schweizer kiffen überhaupt?
In der jüngsten Gesundheitsbefragung (2002) gaben 4,6 Prozent der 15- bis 64-Jährigen an, Cannabisprodukte zu konsumieren. Heute geht man davon aus, dass gut eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer gelegentlich oder regelmässig kifft.
Ist Kiffen ungesund?
Eine jüngst veröffentlichte Studie des Berner Inselspitals weist darauf hin, dass regelmässiges Kiffen zu schweren Lungenschäden führen kann. Bei 17 Kiffern im Alter von 17 bis 43 Jahren, die im Schnitt seit 8,8 Jahren täglich mehrere Joints geraucht hatten, fanden die Ärzte in der Lunge grössere Löcher in Form von Luftblasen. Zudem konnten die Ärzte in der Lunge der Kiffer als Entzündungsherde wirkende Cannabisfasern nachweisen. Eine frühere Zürcher Studie verweist auf einen Zusammenhang zwischen regelmässigem Cannabiskonsum und Schizophrenie. Aber: Diesen und vielen anderen Studien haftet der Makel an, dass sie auf Grund der kleinen Zahl von Probanden oft nicht repräsentativ sind.
Was ist mit dem medizinischen Nutzen des Wirkstoffes THC?
THC, in der richtigen Dosierung, kann zur Appetitsteigerung, Muskelkrampflinderung und Schmerzhemmung zum Beispiel bei Aids- oder Krebspatienten beitragen. Pharmakologe Rudolf Brenneisen vom Inselspital befürchtet nun aber den politischen Missbrauch der Berner Studie, da die Ergebnisse den Weg zur Legalisierung des Hanfs zwecks medizinischer Verwendung erschweren könnten. Brenneisen ist zudem grundsätzlich skeptisch, was die Aussagekraft der Studie angeht: Neun Jahre lang täglich sechs Joints zu rauchen, das könne nicht gesund sein – um das zu erkennen, müsse man aber keine Studie machen.
Macht Kiffen dumm?
Nein. Eine neuere Studie der Uni Lausanne, die 5263 Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren befragte, kommt sogar zum Schluss, dass Gelegenheitskiffer bessere schulische Leistungen erbringen als Gleichaltrige, die kiffen und rauchen. Zudem seien Gelegenheitskiffer tendenziell beliebter und sportlicher. Regelmässiges Kiffen beeinflusst allerdings Konzentration und Leistungsfähigkeit.
Ist Cannabis die viel und gerne zitierte Einstiegsdroge?
Das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Der Begriff Einstiegsdroge ist vielmehr ein von Politikern aus dem mittleren bis rechten Lager gerne beigezogenes Argument im Kampf um die Legalisierung von Cannabis.
Nützt oder schadet die Hanfinitiative der Volkswirtschaft?
Eine vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegebene Studie kommt zum Schluss, dass die Annahme der Hanfinitiative keine wesentlichen Einsparungen zur Folge hätte – aber auch nicht mehr Kosten verursachen würde. Laut Studie würde der Cannabispreis um bis zu 60 Prozent sinken, der Konsum dadurch um schätzungsweise 20 Prozent steigen, was zusätzliche Kosten im Bereich Therapie verursachen würde. Auf der anderen Seite würden die Kosten für Repressionsmassnahmen sinken: laut Studie etwa im gleichen Ausmass – faktisch also ein Nullsummenspiel.
Wo bekämen Kiffer bei Annahme der Initiative ihren Stoff her?
Über kontrollierte Verkaufsstellen, etwa Hanfläden, oder über andere kontrollierte Kanäle. Die konkrete Ausgestaltung eines Verkaufsnetzes müsste vom Bund allerdings noch an die Hand genommen werden.
Quelle: Martin Kaiser espace.ch