Weiche Drogen, harte Folgen
Marihuana und Hasch sind die beliebtesten illegalen Drogen in Deutschland, lange galten sie als harmlos. Inzwischen wissen Forscher: Gerade Jugendliche, die schon früh massiv kiffen, verpassen wichtige Schritte ihrer Entwicklung - und können süchtig werden.
Er war fünf Tage aus der Klinik heraus, da kehrte die Sehnsucht mit aller Macht zurück. Als Stefan* für einen Kumpel drei Gramm Marihuana besorgte, als er dafür seinen Dealer wiedertraf, dessen Telefonnummer er zwei Wochen zuvor aus seinem Handy gelöscht hatte. Wie gern hätte sich der 21-Jährige selbst einen Joint gebaut oder auch nur einmal daran gezogen. "Da hatte ich richtig Suchtdruck", sagt er. Aber Stefan hatte sich vorgenommen, endgültig mit dem Kiffen aufzuhören. Nach elf Jahren.
Der junge Mann sitzt an der Theke seiner Lieblingskneipe in Hamburg, gleich neben dem Spielautomaten, und bestellt ein Schnitzel mit Bratkartoffeln. Sein Gesicht wirkt blass und schmal, und er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Mit acht Jahren begann er zu rauchen, erzählt er, mit zehn stahl er etwas Marihuana aus dem Zimmer seines neun Jahre älteren Bruders. Zunächst kiffte er nur einmal im Monat, später dann jeden Tag. Er wollte breit sein, verdrängen, ausblenden, zum Beispiel die Scheidung seiner Eltern, die für ihn nicht zu begreifen war. Dass ihm die Drogen schaden könnten, kam Stefan nicht in den Sinn. Galt Kiffen unter seinen Kumpels doch als unbedenkliches Vergnügen, als Spaß ohne Folgen.
Manche Konsumenten nehmen Schaden
Mit dieser Einschätzung standen Stefan und seine Freunde nicht allein da. Und bei den meisten Kiffern trifft sie auch zu. So wie es kein Problem ist, wenn jemand hin und wieder ein Glas Bier trinkt, birgt auch ein gelegentlicher Joint keine große Gesundheitsgefahr. Allerdings haben Forscher in den vergangenen Jahren erkannt, dass es - ähnlich wie beim Alkohol - einen Teil der Konsumenten gibt, die massiven Schaden nehmen und eine Abhängigkeit entwickeln. Dass die weiche Droge für manche hart wird. Langsam beginnen sie nun zu entschlüsseln, welche dauerhaften Auswirkungen starker Cannabiskonsum auf Gedächtnis und Konzentration haben kann. Therapeuten testen derweil Programme, die jungen Menschen aus der Sucht helfen sollen. Sicher ist: Es gibt Nachholbedarf in Forschung, Behandlung - und Aufklärung. "Cannabis wurde lange Zeit verharmlost", sagt Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Noch immer unterschätzen auch ältere Erwachsene die Wirkung der Droge, berichten stolz von den Joints ihrer Jugendzeit. Sie übersehen dabei, dass manche Sorten der Hanfpflanze hochgezüchtet wurden. Diese Varianten können heute eine mindestens dreimal so hohe Konzentration des Rauschstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten wie vor 30 oder 40 Jahren. Um die Wirkung weiter zu potenzieren, rauchen viele Teenager heute oft lieber einen Bong, eine Wasserpfeife mit Marihuana, als einen Joint. "Die Droge flutet dann im Gehirn schneller an", sagt Thomasius. Im Gehirn sehr junger Menschen.
Das Alter, in dem Jugendliche mit dem Kiffen beginnen, ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken. Im Jahr 1993 hatte die Hälfte der Jugendlichen mit 17,5 Jahren ihren ersten Joint probiert, im Jahr 2005 bereits vor dem 16. Lebensjahr. Ein Alter, in dem Haschisch und Marihuana deutliche Spuren hinterlassen können. Keine andere illegale Droge ist unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen so beliebt wie Cannabis. Im Jahr 2006 gaben 40,6 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, die Produkte aus der Hanfpflanze irgendwann in ihrem Leben probiert zu haben, so das Ergebnis des aktuellen „Epidemiologischen Suchtsurveys“ des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München.
Keine Entwarnung
Zwar ist der Wert im Vergleich zum Jahr 2003 um fast vier Prozentpunkte gesunken, und auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung berichtete im vergangenen Herbst, dass nur noch 13 Prozent der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren bereits Cannabis probiert haben - gegenüber 22 Prozent im Jahr 2004. Von einer Entwarnung mag der Psychiater Thomasius jedoch nicht sprechen. Denn eines blieb unverändert: der Anteil der regelmäßigen, starken Kiffer unter den Teenagern. Jugendliche, die nicht nur am Wochenende, sondern vielleicht täglich mit ihren Freunden Joints rauchen. Die zugedröhnt herumhängen, statt zur Schule zu gehen, wie Stefan. Er kiffte sogar, als er eine Ausbildung in einer Tischlerei begann. "Es ging schon vor der Arbeit an der Bushaltestelle los", sagt er. Wieder zu Hause, rauchte er vor und nach dem Essen einen Joint, und den letzten gab es vor dem Schlafengehen. Auf Partys nickte er oft einfach ein. Und verpasste vermutlich nicht nur bei den Feiern für sein Alter wichtige Erlebnisse.
Denn Jugendliche, die massiv kiffen, versäumen entscheidende Phasen ihrer Entwicklung. Phasen, in denen sie eine eigene Persönlichkeit aufbauen und sich von den Eltern abgrenzen sollen. Sie lernen nicht, mit Problemen umzugehen, knallen sich stattdessen lieber zu. "Je mehr Drogen sie nehmen, desto mehr bremsen sie ihre eigene Entwicklung aus", sagt Thomasius, der in einem Gutachten zu den Folgen von Cannabis internationale Studien aus den Jahren 1996 bis 2006 ausgewertet hat.
Im Alter von 20 Jahren hätten die Betroffenen dann womöglich die Reife eines 14-Jährigen. Und könnten sich in der Leistungsgesellschaft nicht durchsetzen - zumal viele von ihnen die Schule nicht schaffen. Stefan etwa konnte sich nicht mehr auf seine Hausaufgaben konzentrieren. "Es dauerte viel länger als früher", erinnert er sich. Dabei sei es einst ganz gut gelaufen. In Mathe zum Beispiel habe er immer eine Zwei bekommen. Nun aber kam er morgens nicht aus dem Bett, war meist müde und selten klar im Kopf. Er müsste weniger kiffen, dachte Stefan dann, er müsste einfach ablehnen, wenn ihm seine Freundin wieder einen Joint anbot. "Das hat aber nie funktioniert", sagt er heute. Er konnte der Droge nicht widerstehen.
Belohnungssystem im Gehirn
Dabei dachten Mediziner noch vor wenigen Jahren, dass Cannabis nicht körperlich abhängig machen kann. Heute begreifen sie in Grundzügen, was in den Köpfen der Konsumenten vor sich geht. Sie wissen, dass der Rauschstoff THC nicht nur zu akuten Wahrnehmungs- und Bewegungsstörungen führt, sondern langfristig das sogenannte Belohnungssystem im Gehirn manipuliert. Es führt zu einer vermehrten Ausschüttung des beglückenden Botenstoffs Dopamin, sodass sich ein "Suchtgedächtnis" herausbildet: Schließlich erwacht beim Kiffer schon beim Anblick eines Joints oder beim Geruch von Marihuana das starke Verlangen nach Cannabis.
Wie Teile eines Puzzles trägt der Psychiater Thomasius mit Kollegen zusammen, was man heute über die weiteren Auswirkungen von Cannabis weiß - meist erst aus Tierversuchen oder Studien mit speziellen Patientengruppen. So beobachteten Forscher bei pubertierenden Mäusen, dass Cannabis nachhaltig die Aufmerksamkeit, die Konzentration und das Kurzzeitgedächtnis stören kann. Andere Wissenschaftler fanden heraus, dass schizophrene Patienten früher einen Rückfall erleiden und öfter in die Klinik müssen, wenn sie Cannabis rauchen. Und eine weitere Studie zeigt, dass genetisch vorbelastete Jugendliche, die vor ihrem 15. Lebensjahr gekifft haben, später öfter an einer Psychose erkranken als andere. "Ängste oder Wahnvorstellungen beim Kiffen sind ein schlechtes Zeichen", warnt die Psychologin Cécile Henquet von der Universität Maastricht. Dann sollten vor allem Jugendliche die Droge meiden.
"Ich war jung und naiv"
Stefan liess die Schule bleiben, plante Einbrüche, stahl Autos und dealte selbst mit Cannabis. Einmal will er gemeinsam mit zwei Freunden sieben Kilogramm Gras in drei Wochen verkauft haben. "Ich bin zum Glück nie erwischt worden", sagt er. Erst als der junge Mann vor einem Jahr Vater wurde, begann er sich zu ändern. Ihm fiel auf, dass er das Weinen seines Sohnes nicht richtig wahrnahm, dass ihm die Kraft fehlte, nachts für den Kleinen aufzustehen. Er beschloss, clean zu werden, und begann einen Entzug am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Und kann seitdem auch gut verstehen, welche Sorgen sich sein Vater um ihn gemacht haben muss. Immer wieder hatte der versucht, ihn zu einer Therapie zu überreden. Doch der Sohn weigerte sich. "Ich war jung und naiv", sagt er heute. Probleme hatten nur die anderen.
Quelle: www.stern.de
Von Astrid Viciano