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Cannabis-City im Waldviertel

Noch mehr Infos? Ok, ein paar Zahlen: Im Ort wohnen 200 Menschen; zur Grenze nach Tschechien sind es 4,5 Kilometer; den Quadratmeter Baugrund gibt’s ab 5 Euro und der Bus nach Litschau fährt in den Ferien um 05.55 Uhr und um 17.20 Uhr, allerdings nur unter der Woche.
"Im Winter kann’s passieren, dass der Wirt schon um 19 Uhr zusperrt", erzählt man im Ort.
Tourismus

Jetzt ist Sommer und der Wirt hat offen. Serviert werden die üblichen Verdächtigen: Wiener Schnitzel und gebackener Karpfen.
Beides in Hanf-Panier. In Hanf? Jawohl, sagt der Wirt, und stellt ein Hanf-Bier auf den Tisch.

In Reingers dreht sich alles um den Hanf. 2002 versuchte der damalige Bürgermeister den Tourismus anzukurbeln. Doch womit? Über 40 Jahre lang war man am Ende Europas gelegen, hatte mit Arbeitslosigkeit und Absiedlung gekämpft. Nun überlegte und grübelte man – und besann sich des Hanfs, der in der Region eine jahrhundertelange Tradition hat.

"Der Hanf ist eine genügsame Pflanze, die im Waldviertel schon immer gut gediehen ist", sagt Andreas Kozar von der Gemeinde. Nicht allen im Ort gefiel die Idee. "Am Anfang war es wahnsinnig schwer und entmutigend, die Leute von dem Projekt zu überzeugen."

Fünf Jahre später stehen die Cannabis-Felder am Ortsrand in Blüte. Doch bevor sich jetzt die Freunde des süßen Geruchs auf den Weg machen, ein Tipp: Der Hanf ist Industriehanf, hat also praktisch kein THC. High werden kann man davon nicht. Für einen Rausch müsste man schon 30 Kilogramm konsumieren.

Aber man kann andere Dinge damit anstellen. "Aus Hanf lassen sich über 50.000 Produkte herstellen", sagt Astrid Pleha. Ein Hanfblatt ziert ihr T-Shirt, darunter steht "Don’t panic, it’s organic". Frau Pleha leitet das Hanfdorf in Reingers, doch dort kennt man sie nur als "die Hanftante". Das steht sogar auf ihrer Visitenkarte.
"Cannaboard"

Im Hanfdorf erklärt sie den jährlich 2000 Besuchern alles über Anbau, Verarbeitung und Bedeutung der Pflanze. Stolz zeigt sie ein Exponat des Museums: Ein Skateboard – produziert aus Hanffasern. "Cannaboard" heißt das dann.

Im Shop daneben verkauft die Hanf-Tante Hanf-Schoko, Hanf-Tee, Hanf-Chips, Hanf-Shampoo und Hanf-Hemden. Bei Jugendlichen beliebt sind die Hanf-Pastillen. "Die glauben, dass das einfährt." Sie lacht. Das Erotik-Massage-Öl aus Hanf um elf Euro geht nicht so gut. "Die Männer würden es eh gerne kaufen, aber ihre Frauen genieren sich meist."
Tja, das Publikum. "Am Anfang habe ich mich gefürchtet, welche Leute im Hanfdorf auftauchen werden." Die Angst war unbegründet. "Hippies kommen keine." Stattdessen vor allem Familien und Pensionisten.

Familie Fangl ist mit dem Wohnmobil und den beiden Töchtern, 9 und 10, aus Wien angereist. "Hanfdorf – das klingt doch interessant", sagt der Vater, ein Arzt. Im Prospekt hat er von einer Hanf-Bar gelesen – doch die hat an dem Tag leider gerade zu; die Kinder wollten ins Hanf-Labyrinth – doch aus dem ist heuer leider nichts geworden. Dafür gibt es neuerdings eine Miss Hanf.

Miss-Wahl

Bummvoll war der Hanf-Stadl bei der Wahl Ende Juni, serviert wurden Hanf-Burger und Hanf-Spritzer. Die 18-jährige Petra Schierer trat gegen ihre Schwägerin und eine Freundin an und machte das Rennen. Als Preis gab’s Hanf-Kleidung im Wert von 350 Euro.
Im September beginnt die Miss mit der Altenpflegeschule in Horn. Noch ist sie sich nicht sicher, ob sie in der neuen Schule von ihrem Titel erzählen soll. "Vielleicht haben die Leute dann ein falsches Bild von mir."

Quelle: Kurier